NC Medizin: Was du für einen Studienplatz wirklich brauchst
NC Medizin verstehen: die drei Vergabequoten, die Rolle von TMS und Auswahlgesprächen und warum ein Einser-Abitur nicht der einzige Weg ins Medizinstudium ist.
Wer sich für Humanmedizin interessiert, stößt fast automatisch zuerst auf eine Zahl: den NC Medizin, meist irgendwo zwischen 1,0 und 1,3. Diese eine Zahl beschreibt aber nur einen von drei Wegen zum Studienplatz, und sie ist der strengste davon. Wie die Vergabe tatsächlich abläuft, welche Rolle Tests und Erfahrung spielen und warum ein durchschnittlicher Abischnitt nicht automatisch das Ende der Medizin-Pläne bedeutet, zeigt dieser Überblick.
Kurzantwort: Was du zum NC Medizin wissen musst
- Humanmedizin, Zahnmedizin, Tiermedizin und Pharmazie werden bundesweit über hochschulstart.de vergeben, nicht direkt von der Hochschule.
- Es gibt keinen einzelnen NC, sondern drei Vergabequoten mit eigener Rangliste: Abiturbestenquote, Zusätzliche Eignungsquote und Auswahlverfahren der Hochschulen.
- Nur in der Abiturbestenquote zählt allein die Abiturnote. Sie vergibt 30 Prozent der Plätze nach Abzug der Vorabquoten.
- In der Zusätzlichen Eignungsquote spielt die Abiturnote gar keine Rolle, dort zählen Tests, Berufsausbildung, Dienste und Auswahlgespräche.
- Das Auswahlverfahren der Hochschulen vergibt mit 60 Prozent die meisten Plätze und kombiniert die Note meist mit einem verpflichtenden Studieneignungstest wie dem TMS.
- Wartesemester bringen im bundesweiten Verfahren seit der Reform von 2020 keinen automatischen Vorteil mehr.
Der NC Medizin: drei Quoten, drei verschiedene Logiken
Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 19. Dezember 2017 wurde die Vergabe der Medizinstudienplätze neu geregelt. Die Richter erklärten die damaligen Regeln teilweise für verfassungswidrig, weil sie Bewerbende mit sehr gutem, aber nicht perfektem Abischnitt kaum eine Chance ließen und weil Wartezeit als eigenes Kriterium den Zugang zu stark verzögerte. Seit dem Sommersemester 2020 gilt ein neues Modell mit drei Hauptquoten, die unabhängig voneinander vergeben werden.
| Quote | Anteil an den Plätzen | Was zählt |
|---|---|---|
| Abiturbestenquote | 30 Prozent | Ausschließlich die im Abiturzeugnis ausgewiesene Punktzahl, verrechnet über 16 Landesquoten |
| Zusätzliche Eignungsquote | 10 Prozent | Schulnotenunabhängige Kriterien wie Studieneignungstests, Berufsausbildung, Dienste oder Auswahlgespräche |
| Auswahlverfahren der Hochschulen | 60 Prozent | Kombination aus Abiturnote und mindestens zwei schulnotenunabhängigen Kriterien, darunter ein verpflichtender Test |
Vor diesen drei Hauptquoten werden bis zu 20 Prozent der Plätze als Vorabquoten abgezogen, etwa für Härtefälle, Zweitstudienbewerbungen, internationale Bewerbungen oder Personen mit einer Verpflichtung wie dem Wehr- oder Zivildienst. Erst der Rest wird auf die drei Hauptquoten verteilt. Jede Quote bildet eine eigene Rangliste und damit einen eigenen Grenzwert, deshalb liest man für dieselbe Hochschule oft drei unterschiedliche Zahlen.
Abiturbestenquote: wenn allein die Note zählt
In der Abiturbestenquote entscheidet ausschließlich die im Abiturzeugnis ausgewiesene Punktzahl. Weil Abiturnoten zwischen den Bundesländern nicht auf identische Weise zustande kommen, bildet das System zunächst 16 Landesquoten und führt sie danach über ein mathematisches Verfahren zu einer bundesweiten Rangliste zusammen. Nachrangige Kriterien bei Punktgleichheit sind eine geleistete Dienstzeit und, falls das nicht ausreicht, das Los. Weil hier nur die Note zählt, ist diese Quote diejenige, in der die bekannten sehr strengen Werte nahe 1,0 entstehen.
Zusätzliche Eignungsquote: ein Weg ganz ohne Abiturnote
Die Zusätzliche Eignungsquote, oft ZEQ abgekürzt, wurde mit der Reform 2020 neu eingeführt und ersetzt die frühere Wartezeitquote. Schulnoten spielen hier keine Rolle. Bewertet werden stattdessen Ergebnisse aus Studieneignungstests wie dem TMS, dem HAM-Nat oder dem PhaST, dazu Auswahlgespräche, eine abgeschlossene einschlägige Berufsausbildung sowie besondere Vorbildungen, praktische Tätigkeiten oder außerschulische Qualifikationen. Jede Hochschule legt selbst fest, welche dieser Kriterien sie in ihrem Punktemodell einsetzt und wie stark sie gewichtet werden, insgesamt sind bis zu 100 Punkte möglich.
Für Bewerbende mit solidem, aber nicht perfektem Abischnitt ist die ZEQ deshalb oft der interessantere Zugang als die Abiturbestenquote. Wer beispielsweise vor dem Studium eine Ausbildung in der Pflege oder als Rettungssanitäter abgeschlossen hat oder im Freiwilligen Sozialen Jahr gearbeitet hat, bringt hier reale Pluspunkte mit, unabhängig vom Notendurchschnitt.
Auswahlverfahren der Hochschulen: der größte und flexibelste Topf
Mit 60 Prozent vergibt das Auswahlverfahren der Hochschulen, kurz AdH, die meisten Plätze. Jede Hochschule bestimmt ihre eigenen Kriterien, muss dabei aber mindestens ein Kriterium einsetzen, das unabhängig von der Abiturnote ist. Für Humanmedizin, Zahnmedizin und Tiermedizin schreibt die Rechtsgrundlage sogar zwei solcher Kriterien vor, und eines davon muss ein fachspezifischer Studieneignungstest sein. Hochschulen können zusätzlich Unterquoten innerhalb des AdH bilden, in denen unterschiedliche Kriterien unterschiedlich stark gewichtet werden.
Vereinfachtes Beispielmodell einer Hochschule
Verfahrensnote = 0,5 x Abiturnote-Punktwert + 0,5 x TMS-Ergebnis
So könnte eine Hochschule ihre Kriterien im AdH gewichten. Die tatsächliche Gewichtung legt jede Hochschule selbst fest und veröffentlicht sie in ihrer Auswahlsatzung, deshalb ist dieses Modell nur ein Beispiel für die Logik, nicht für ein konkretes Verfahren.
Ein Rechenbeispiel nach diesem Modell macht den Effekt sichtbar: Bewerberin A hat einen Abiturnote-Punktwert von 82 und ein TMS-Ergebnis von 58 Punkten, macht 0,5 mal 82 plus 0,5 mal 58, also eine Verfahrensnote von 70. Bewerber B hat einen schwächeren Punktwert von 68, erzielt im TMS aber 96 Punkte und kommt auf 0,5 mal 68 plus 0,5 mal 96, also 82. Obwohl A den deutlich besseren Abischnitt mitbringt, liegt B in dieser Rangliste vorn. Genau deshalb lohnt sich eine Bewerbung im AdH oft auch dann, wenn der Abischnitt allein für die Abiturbestenquote nicht reichen würde.
TMS, HAM-Nat und Co: was die Tests wirklich prüfen
Der bekannteste Test ist der TMS, der Test für medizinische Studiengänge, ein mehrstündiger Studieneignungstest, der unter anderem medizinisch-naturwissenschaftliches Grundverständnis, Konzentration, Merkfähigkeit und Textverständnis prüft. Er wird einmal jährlich angeboten, die Anmeldung liegt meist deutlich vor der eigentlichen Bewerbungsfrist für den Studienplatz. Einzelne Hochschulen setzen alternativ oder zusätzlich den HAM-Nat ein, einen naturwissenschaftlichen Kenntnistest, oder den HAM-SJT, einen Situational-Judgement-Test zu sozialen und kommunikativen Situationen im Medizinstudium. Manche Hochschulen führen zusätzlich strukturierte Auswahlgespräche.
- Welche Tests eine Hochschule verlangt, welche Anmeldefristen gelten und wie stark das Ergebnis gewichtet wird, steht ausschließlich in der Auswahlsatzung der jeweiligen Hochschule.
- Ein einmal erzieltes Testergebnis gilt in der Regel für mehrere Bewerbungsjahre, informiere dich vor der Anmeldung über die genaue Gültigkeitsdauer.
- Wer sich früh mit dem Testformat vertraut macht, verschenkt seltener Punkte durch reine Zeitprobleme, denn die Aufgabenmenge pro Zeiteinheit ist bewusst hoch angesetzt.
Landarztquote: Studienplatz gegen Verpflichtung
Neben den drei Hauptquoten bieten mehrere Bundesländer zusätzlich eine Landarztquote als eigene Vorabquote an. Wer diesen Weg wählt, verpflichtet sich, nach Studium und Facharztausbildung für eine festgelegte Zeit als Hausärztin oder Hausarzt in einer unterversorgten, meist ländlichen Region des jeweiligen Landes zu arbeiten. Wie stark die Abiturnote dabei zählt, ist von Land zu Land verschieden, wie die folgenden zwei Beispiele zeigen.
| Bundesland | Umfang | Rolle der Abiturnote | Verpflichtungsdauer |
|---|---|---|---|
| Bayern | 8 Prozent der Medizinstudienplätze an bayerischen Hochschulen | Keine, die Auswahl erfolgt über Test, Vorbildung und ein strukturiertes Gespräch | Mindestens 10 Jahre als Hausärztin oder Hausarzt beziehungsweise Kinderärztin oder Kinderarzt in unterversorgten Gebieten |
| Niedersachsen | 60 Studienplätze pro Jahr an den Standorten Göttingen, Hannover und Oldenburg | Ja, die Abiturdurchschnittsnote fließt gemeinsam mit TMS-Ergebnis und Vorerfahrung in die Auswahl ein | 10 Jahre in einer unterversorgten Region nach Facharztausbildung in der Allgemeinmedizin |
Warum ein Abischnitt von 1,0 ein Mythos ist
Der Blick auf die Abiturbestenquote allein erzeugt ein verzerrtes Bild, weil dort tatsächlich nur die Note zählt und deshalb die strengsten Werte entstehen. Rechnet man aber die Zusätzliche Eignungsquote und das Auswahlverfahren der Hochschulen mit ein, zeigt sich ein anderes Bild: Über beide Wege zusammen werden 70 Prozent der Plätze nach Abzug der Vorabquoten vergeben, und in beiden fließen Kriterien ein, die nichts mit der Abiturnote zu tun haben oder sie zumindest deutlich abschwächen. Ein guter, aber nicht perfekter Abischnitt schließt ein Medizinstudium also nicht aus, er verschiebt nur, über welche Quote und mit welcher zusätzlichen Vorbereitung der Studienplatz realistisch wird.
Häufige Fehler bei der Bewerbung für Medizin
- Sich allein am NC der Abiturbestenquote zu orientieren und die beiden anderen Quoten gar nicht erst zu prüfen.
- Die Anmeldefrist für den TMS zu verpassen, weil sie viele Monate vor der eigentlichen Bewerbungsfrist für den Studienplatz liegt.
- Eine Berufsausbildung oder einen Freiwilligendienst nur wegen möglicher Pluspunkte zu beginnen, ohne die genauen Anerkennungskriterien der Wunschhochschule vorher zu prüfen.
- Sich nur bei ein oder zwei Hochschulen zu bewerben, obwohl die Kriterien und Gewichtungen im AdH von Hochschule zu Hochschule deutlich variieren.
- Die Landarztquote als reinen Abkürzungsweg ins Studium zu sehen, ohne sich mit der langjährigen Rückzahlungsverpflichtung ernsthaft auseinanderzusetzen.
- Sich wegen eines schwächeren Abischnitts gar nicht erst zu bewerben, obwohl die Bewerbung selbst nichts kostet außer Zeit.
Handlungsplan: so gehst du konkret vor
- Verschaffe dir früh, idealerweise ab der Einführungsphase, einen Überblick über die drei Quoten und darüber, wie hochschulstart.de die Bewerbung organisiert.
- Informiere dich über die Anmeldefristen für Studieneignungstests wie den TMS, sie liegen deutlich vor der eigentlichen Bewerbungsfrist für den Studienplatz.
- Prüfe für mehrere Hochschulen die aktuelle Auswahlsatzung und notiere, welche Kriterien im AdH neben der Note zählen und wie stark sie gewichtet werden.
- Kläre, ob eine Berufsausbildung, ein Freiwilligendienst oder eine ehrenamtliche Tätigkeit an deinen Wunschhochschulen tatsächlich anerkannt wird, bevor du dafür Zeit investierst.
- Rechne parallel deinen voraussichtlichen Abischnitt regelmäßig durch, damit du früh weißt, in welchem Bereich du landest. Werkzeuge wie AbiPilot helfen dabei, verschiedene Szenarien durchzuspielen.
- Wäge die Landarztquote nur dann als Option ab, wenn eine hausärztliche Tätigkeit in einer ländlichen Region für dich langfristig infrage kommt.
- Bewirb dich über mehrere Hochschulen und mehrere Quoten gleichzeitig und melde dich aktiv für Nachrückverfahren an, wenn diese im jeweiligen Verfahren vorgesehen sind.
- Halte einen Plan B bereit, etwa ein verwandtes naturwissenschaftliches Fach, ein Medizinstudium im europäischen Ausland oder eine Ausbildung im Gesundheitswesen mit späterem Wechsel.
Der NC Medizin bleibt eine der anspruchsvollsten Hürden im deutschen Hochschulsystem, aber er ist keine einzelne, feste Zahl. Wer die drei Quoten kennt und rechtzeitig die passenden Weichen stellt, hat deutlich mehr Wege zum Studienplatz, als der erste Blick auf die Abiturbestenquote vermuten lässt.
Quellen
- Hochschulstart: Quotenmodell des Zentralen Verfahrens
Offizielle Darstellung der Vorabquoten, der Abiturbestenquote, der Zusätzlichen Eignungsquote und des Auswahlverfahrens der Hochschulen mit den jeweiligen Prozentanteilen.
- Hochschulstart: Downloads mit Auswahlgrenzen und Leitfäden
Aktuelle Auswahlgrenzen sowie Leitfäden zu Auswahlverfahren der Hochschulen und Zusätzlicher Eignungsquote für Human-, Zahn- und Tiermedizin sowie Pharmazie.
- Bundesverfassungsgericht: Pressemitteilung zum Urteil vom 19. Dezember 2017
Begründung, warum die frühere Vergabepraxis für Humanmedizin teilweise verfassungswidrig war und neu geregelt werden musste.
- Landarztquote Bayern
Offizielle Seite des Freistaats Bayern zu Umfang, Auswahlverfahren und Verpflichtungsdauer der bayerischen Landarztquote.
- Niedersächsisches Sozialministerium: Landarztquote
Angaben des zuständigen Landesministeriums zu Platzzahl, Auswahlkriterien und Verpflichtung der niedersächsischen Landarztquote.
Häufige Fragen
Welchen NC brauche ich für Medizin?
Eine pauschale Zahl gibt es nicht, weil es drei getrennte Vergabequoten mit eigenen Kriterien gibt. Nur in der Abiturbestenquote entscheidet allein die Note, dort liegen die Werte meist zwischen 1,0 und 1,3. In der Zusätzlichen Eignungsquote und im Auswahlverfahren der Hochschulen zählen zusätzlich Tests, Erfahrung und Auswahlgespräche.
Kann ich Medizin studieren, wenn mein Abischnitt nicht bei 1,0 liegt?
Ja. 70 Prozent der Plätze nach Abzug der Vorabquoten werden über die Zusätzliche Eignungsquote und das Auswahlverfahren der Hochschulen vergeben, in denen ein guter, nicht perfekter Abischnitt mit Testergebnissen oder anderen Kriterien kombiniert wird. Ein niedrigerer Schnitt schließt ein Medizinstudium also nicht aus.
Was ist der TMS und muss ich ihn ablegen?
Der TMS, Test für medizinische Studiengänge, ist ein bundesweiter Studieneignungstest. Ob er für deine Bewerbung nötig oder sinnvoll ist, hängt von der jeweiligen Hochschule ab, viele setzen ihn im Auswahlverfahren der Hochschulen verpflichtend ein. Die Anmeldung liegt deutlich vor der eigentlichen Bewerbungsfrist, informiere dich rechtzeitig auf hochschulstart.de.
Bringen Wartesemester noch etwas für einen Medizinstudienplatz?
Eine eigene Wartezeitquote gibt es seit der Reform 2020 nicht mehr, sie wurde durch die Zusätzliche Eignungsquote ersetzt. Wer wartet, sammelt dadurch keinen automatischen Vorteil mehr, kann die Zeit aber für eine Berufsausbildung, einen Freiwilligendienst oder eine Testvorbereitung nutzen, die in der Zusätzlichen Eignungsquote zählen können.
Was ist die Landarztquote und für wen lohnt sie sich?
Die Landarztquote ist eine zusätzliche Vergabemöglichkeit einzelner Bundesländer, verbunden mit der Verpflichtung, nach dem Studium für viele Jahre als Hausärztin oder Hausarzt in einer unterversorgten Region zu arbeiten. Sie lohnt sich für alle, die sich eine hausärztliche Tätigkeit auf dem Land langfristig vorstellen können, nicht als reiner Abkürzungsweg.
Sind Zahnmedizin und Tiermedizin genauso geregelt wie Humanmedizin?
Zahnmedizin, Tiermedizin und Pharmazie gehören ebenfalls zu den bundesweit zulassungsbeschränkten Fächern und laufen über dieselben drei Hauptquoten. Die konkreten Grenzwerte und die genauen Kriterien im Auswahlverfahren der Hochschulen unterscheiden sich aber je Fach und Hochschule.
Wo finde ich verbindliche Angaben zu Fristen und Kriterien?
Verbindlich sind ausschließlich hochschulstart.de für das zentrale Verfahren und die aktuelle Auswahlsatzung der jeweiligen Hochschule für die Kriterien im Auswahlverfahren der Hochschulen. Ratgeberseiten können eine erste Orientierung geben, ersetzen diese Quellen aber nicht.